Wochenbett Depression – Versuch eines Grundwissens

Wochenbett Depression? Was soll das sein?

Diese Frage hatte ich vor Jahren selbst, dann als es schon viel zu spät war und das Kind buchstäblich in den Brunnen gefallen ist. Denn weder mein Frauen- noch mein Hausarzt sprachen je davon. Meine Hebamme war damals blutjung und hatte damit wohl ebenfalls keine Erfahrungen. Jedenfalls hätte es mir gut getan, wenn ich ein wenig war verstanden hätte, von dem, was da chemisch in meinem Körper abgeht. Darum: hier mal ein Versuch, Babyblues und Wochenbett Depressionen zu beschreiben.

Der Vorläufer: Babyblues

Im Grunde kennt jede Mutter den sogenannten Babyblues. Die Tage, wenn die Hormone sich von Schwanger zu “ich bin jetzt eine Mutter mit zu viel Liebe” umstellen. Man ist seeehr nah am Wasser gebaut, zweifelt an allem und jedem und möchte eigentlich nur unter die Bettdecke. Dieser Zustand ereilt Mütter in unterschiedlicher Intensität. Gerade mit mehreren Kindern kann das Gefühlschaos schon mal im Alltag untergehen – oder eben mit all den Gefühlen so richtig schlimm werden. Anyway, einen richtigen intensiven Babyblues erleiden ca. 50-60 % aller werdenden Mütter. DAS SIND VIELE! Und viele wissen nicht mal, warum sie 1-5 Tage lang so richtig weinen wollen. Babyblues heißt aber: Es geht vorbei und muss so sein, damit sich Schilddrüse, Hormone und Co. auf das Leben als Mama einstellen können. Nicht jeder Tag mit Chaos-Gefühlen ist daher als Anlass zur Sorge zu sehen – so lange es vorbei geht!

Was sind denn dann Wochenbett Depressionen?

Der Unterschied zu einer Wochenbett Depression ist die Länge und die Intensität. Die negativen Gedanken und Gefühle sollten sich mit der Hormon-Umstellung nämlich relativiert haben und nach einigen Tagen verschwinden. Tun sie es nicht oder tauchen diese negativen Gedanken wieder auf, sondern bleibt man so dünnhäutig, genervt, voller Angst spricht man von einer Wochenbett Depression.
Symptome sind dann: Schlaflosigkeit (was meist mit dem Baby nicht auffällt), Angstzustände, negative Gedanken, Konzentrationsprobleme, Gleichgültigkeit, Selbstzweifel, Gedanken gegen sich und das Baby… Fast wie bei einer Depression ohne Schwangerschaft im Vorfeld. Aber b
etroffene Mütter haben Schuldgefühle, denken zwiegespalten über sich als Mutter und über das Wesen, was da vor ihnen liegt! Und es fällt ihnen damit schwer eine Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen oder gar Liebe zu entwickeln. Sie sind verunsichert und lassen sich von anderen, vermeindlich perfekten Müttern irritieren und entwickeln darüber negative Gefühle. Manchmal wochenlang ganz unterschwellig. Manchmal bricht es auch.
Und wieder manchmal kann es unbehandelt von einer Wochenbettdepression zu schweren Depressionen und sogar zu Paniktattaken oder psychischen Störungen (oder zumindest zu solchen Symptomen) kommen. Eine Leserin zum Beispiel hatte durch die Depression schließlich Zwangsgedanken: Was wäre, wenn ich denken könnte, das Baby zu ersticken / zu verletzen? Solche Gedanken können sich schließlich auch gegen sich selbst richten. 


Man unterscheidet hier weitere Bereiche der Depression: Postpartale Angsterkrankungen, Postpartale Zwangserkrankungen, Wochenbettpsychose und Posttraumatische Belastungsstörung. Je nachdem, welche Auswirkungen eine Depression also mit sich bringt, geht sie also in diverste psychische Bereiche.
(Quelle) Dies soll euch keine Angst machen, liebe Frauen, sondern aufklären. Denn jede Frau ist anders und nimmt dieses Problem auch anders wahr.

Denn hier liegt die Gefahr. Ohne Hilfe können die Symptome sich weiteren psychischen Krankheiten verschlimmern. 

 

Es gibt Zahlen, die sprechen von 10-15 % aller werdenden Mütter, die die Symptome nicht direkt erkennen (oder wo andere sie nicht erkennen) und dann an einer Wochenbett Depression erkranken. Spätestens hier ist der Gang zum Arzt aber sinnvoll. Ist der Hormonhaushalt ok? Ist der Eisenwert zu tief? All das kann die Grundlage für schwierige Gedanken sein. Aber auch eine traumatische Geburt (und zwar egal, was andere über die Geburt sagen – wichtig ist, was man selbst darüber denkt) kann Auslöser sein. Dann muss etwas aufgearbeitet werden. Also bitte: Wenn ihr merkt, die Glückshormone lassen auf sich warten: Ab zum Arzt!


Es gibt keine Garantie, solch eine Erkrankung zu verhindern, aber ich habe mal ein paar wichtige Gedanken aufgelistet, die man zu diesem Thema wissen sollte:

 

Vor der Geburt:

  • Perfektionisten leiden häufiger an einer Wochenbett Depression. Sie wollen alles perfekt um und mit dem Baby organisieren. Dabei ist das fast unmöglich 🙂 Das Leben ist das, was passiert, während man Pläne macht. Daher sollte man sich vorher vom Perfektionismus verabschieden!
  • Denkt daran, dass ihr nicht mehr so selbstbestimmt leben könnt, wenn ein kleines Baby euren Tagesablauf bestimmt. Gerade Mütter mit mehreren Kindern laufen hier Gefahr, über die Schuldgefühle zum ersten Kind  / den anderen Kindern eine Depression zu entwickeln.
  • Bittet um Hilfe. Wenn ihr nicht gut klar kommt, dann fragt Freunde, ob sie euch das Badezimmer wischen. Wünscht euch schon im Vorfeld, dass Freunde bitte keine Geschenke mitbringen, sondern statt dessen für euch Dinge erledigen sollen: Kochen, Einkaufen, Putzen! Es klingt banal, aber die äußere Ordnung kann zu inneren Ordnung führen. Lasst andere das Außen übernehmen. Susanne schrieb hier mal, wie wichtig Freunde sind. Und vor der Geburt lässt sich leichter um Hilfe fragen als später!
  • Euer Partner wird vielleicht auch nicht so können, wie ihr es wünscht. Sprecht vor der Geburt darüber, wie es laufen kann, soll und was im Notfall passieren müsste. Immerhin, wenn es euer erstes Kind ist, wird er vielleicht auch überfordert sein?! Offene Worte sind das A und O.
  • Wenn ich könnte, würde ich jeder Mutter schon in der Schwangerschaft, Meditation, Yoga oder zumindest kleine Meditationsübungen beibringen. Nichts ist wichtiger, wenn man später durchatmen kann, wenn das Baby seit Stunden schreit…

 

Nach der Geburt:

  • Traumatische Geburten sollte man unbedingt verarbeiten! Da stellt sich natürlich die Frage, was ist traumatisch? Das ist sicher für jeden etwas anderes – eine Geburt ist schließlich außergewöhnlich UND Schwerstarbeit für Seele und Körper. Fühlt euch nicht schlecht, wenn ihr denkt, dass eure Geburt euch belastet. Das tut sie nämlich. Lest darüber im Internet – es gibt so viele, die euch bestärken können (passt aber auf, dass ihr keine Panikmacher erwischt)! Und es gibt Traumaspezialisten, die oft mit wenigen Sitzungen wieder etwas Gleichgewicht bringen können.
  • Und das führt mich zum nächsten Punkt: Seid ehrlich! Zu euch, eurer Familie, Freunden oder der Hebamme. Sobald ihr das Gefühl habt, es stimmt was nicht, redet! Und dann auch ehrlich. Ich habe immer zur Hebamme gesagt “Alles ok!”. Der Mann war arbeiten und meine Freunde kinderlos. Es hat viel zu lange gedauert, ehe ich verstand, was los ist!
  • Sucht euch Hilfsmittel, die euch helfen, das Positive zu sehen: Schreibt ein Glückstagebuch, erinnert euch mit PostIts daran, dass ihr euch alle liebt. Macht kleine Achtsamkeitsübungen oder Mini-Meditationen. Man lernt dabei, mehr bei sich selbst zu bleiben. So könnt ihr in blöden Momenten besser auf euch Acht geben.
  • Und nicht zu letzt: Wendet euch an einen Arzt! Medikamente können hier richtig gut helfen. Denn wenn das chemische Gleichgewicht eures Körpers gestört ist, dann ist das nicht eure Schuld und Medikamente können helfen, dass ihr wieder in die Balance kommt. Das ist nicht schlimm!

 

Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig über Babyblues und die Wochenbettdepressionen aufklären?! Wenn ihr Fragen habt, fragt! Mich oder andere 🙂 Hauptsache, jede Mama weiß, dass sie die wichtigste Person ist und ihr verdammt noch mal jede Hilfe zu steht – Babys sind nämlich ein anstrengender Job 🙂

 

Es gibt eine Hotline für die Wochenbett Depression: 01577 / 47 42 654 ist tagsüber (Mo.-Fr.) von 8.30 bis 18 Uhr erreichbar.

 

 

Bildquelle: Pixabay.com (Pexels)

Petra

Schau mal, das passt zum Thema

2 Comments

  • Lena
    4. Mai 2017 at 9:08

    Liebe Petra! Ein wirklich schöner und informativer Beitrag! Endlich spricht mal jemand offen darüber, ich selbst hatte damals einen schlimmen Baby Blues und wusste gar nichts mit mir oder dem Kleinen anzufangen. Das ging aber Gott seid dank nach den erste 3 Tagen vorüber.

    LG Lena

    • Petra
      Petra
      22. Mai 2017 at 10:23

      Liebe Lena,

      Danke für Deinen Beitrag – und großes Sorry für das späte Antworten!
      Ja, ich finde das Thema sehr wichtig. Wir alle stehen unter großem Druck, darum freue ich mich, wenn ich Lesern/innen helfen kann <3

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Petra

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