Das „ich denke, was die denken, wie ich bin“ Karussell

Seit ich mich erinnern kann, steht mein Kopf niemals still. Immer sind da Gedanken, immer sind da Konstrukte, immer sind da Ansätze und immer ist da meine Stimme, die jenes und dieses und dortiges denkt. Immer!

Was ist das „ich denke, was die denken, wie ich bin“ Karussell?

Die lautesten Gedanken sind die, die vereinfacht gesagt mit „die denken, ich bin so und so. Na TOLL! So bin ich doch gar nicht!“ anfangen und ganz oft in schlechter Laune und in völlig überzogenen Reaktionen meinerseits enden.

 

Dann stehe ich da und jemand sieht mich an oder reagiert nicht so, wie ich es erwartet hätte. Etwas schief, etwas unhöflicher. SOFORT lässt mein kleiner Unterbewusst-Mann im Kopf (kennt ihr noch aus dem anderen Post) seine Kaffee-Tasse fallen und rennt panisch zum Bildschirm aka meine Augen und schreit „WAS ZUM TEUFEL IST DA LOS! LOS! ANALYSIEREN!“.

 

Die kleine graue Nerdi-Maus an dem Analyserechner schreckt augenblicklich hoch. Bis gerade hatte sie die Umgebung gescannt und war mit interessanten Dingen wie „wo muss ich hier lang laufen … ach der Baum da ist wirklich hübsch – meldung an den Künstler senden … hab ich Hunger? … wie war das noch? muss ich heute oder morgen zum Zahnarzt?…“ Sie hat nur ein paar Jahre an der School of life studiert, ist sehr jung und naiv und ist eigentlich gar nicht fit genug für so einen panischen Anfall des Unterbewusst-Mannes. Er bringt sie völlig aus dem Konzept. Eigentlich müsste sie mit der Abteilung für Neugierde und dem Sprachzentrum sprechen. Oder mit irgendwem. Da der Chef aka Unterbewusst-Typ so laut geschrien hat, ist ihre Nerd-Brille verrutscht und sie hackt schnell aber achtlos auf der Tastatur herum. Irgendwie schafft sie es seit Jahren dabei ihre nicht-selbstbewusste Haltung auf mich zu übertragen, sie überlegt nicht lange und immer druckt der hektische Tintenstrahldrucker im Anschluss an ihren eingetippten Befehl ohrenbetäubend nur einen Zettel mit nur einem Satz aus:

 

„Kritisches Gegenüber – wir sind nicht gut genug – leite Selbstverteidigung ein!“

 

Mein Unterbewusst-Mann rennt zum Karussell, springt auf sein Pferd und schreit: „WENN DER MENSCH DA UNS NICHT MAG, MÖGEN WIR IHN / SIE AUCH NICHT!“ Ab da dreht sich der ganze Kopf. Er fühlt sich ungerecht behandelt, denn eigentlich ist er doch ein toller Typ und irgendjemand kommt daher und mag uns nicht, obwohl wir NICHTS gemacht haben? Meine kleine Nerdi muss auch auf einem Pferd sitzen und dreht mit dem Unterbewusst-Mann Runde um Runde um Runde und überlegt, was genau ich gemacht habe, dass das Gegenüber uns nicht mag und wie wir uns am besten verteidigen oder gar schlecht gelaunt reagieren können. Es nimmt kein Ende… Manchmal wache ich Nachts kurz auf, schlafe aber nicht wieder ein, weil mein Unterbewusst-Mann immer noch auf seinem Pferd sitzt und ruft „aber wiesooooooo mag uns dieseeeeeer jemand niiiiiiiiicht?“. Nerdi spielt dann alle sich zugetragenen Situationen im Details wieder und wieder ab. Endlosschleife auf dem Kinderkarussell.

 

Dabei gibt es absolut KEINE Beweise dafür, dass mein Gegenüber in genau diesen zwei Millisekungen wirklich ein Problem mit mir hatte. Vielleicht auch nur mit sich selbst, mit dem Wetter oder einfach auch gar nicht gedacht hat. Doch diese Möglichkeiten existieren in meinem Analyse-Computer nicht.

Maßnahmen gegen das Karussell

So in etwa fühlt(e) sich mein Kopf seit meiner Kindheit an. Ich kannte es nicht anders. Mittlerweile ist Nerdi nicht mehr so hektisch, wenn der Unterbewusst-Mann wissen will, was da gerade los ist. Und auch er schreit nicht mehr so laut.

 

Warum? Irgendwann habe ich Nerdi für den Computer aus meinen Erfahrungsschätzen aber Updates machen können. Die gewonnen Erfahrungen zeigten mir „ok, ich hab wohl in die falsche Richtung analysiert! Es ist alles ok!“. Daraus erstellte ich (und andere machen das auch) einen Sicherheitsmann. Immer, wenn der Unterbewusst-Mann zu laut und zu voreilig Schlüsse zieht, schreitet er cool zum Bildschirm und sagt „also ich sehe nichts weiter, außer einem anderen Menschen, der NICHTS gesagt hat, was Anlass zur Beunruhigung geben könnte“. Manchmal muss er auch ein rotes großes STOP! Schild hochhalten, damit das Karussell anhält sich alle wieder beruhigen. Nachts schaltet er ganz oft den Strom aus oder trägt den Unterbewusst-Mann wie ein kleines Kind vom Karussell weg.

 

Weiser Mann. Er bringt mich ganz oft dazu, dass Nerdi eben doch mit dem Sprachzentrum redet und so was fragt wie „hey, ist bei uns alles in Ordnung?“ Der Typ ist Gold wert!

Achillesferse

Allerdings, jeder hat ja eine Achillesferse und meine lautet eben Depression. Sie ist sehr groß. An depressiven Tagen ist der Sicherheitsmann gelähmt. Er läuft sehr langsam zum Karussell und lässt mich erst ein paar Runden fahren, ehe er es anhält. Dann ist er unsicher, ob er überhaupt eingreifen soll, ob nicht alle anderen mit der Panik Recht haben. Manchmal ist er von der Depression auch verschleppt worden und kommt nur nach Tagen wieder zum Dienst.

Verstärkt wird das natürlich noch von Dingen wie Alkohol oder Schlafmangel oder anderen blöden, beeinflussenden Dingen. Dann schaut mich eine gute Freundin an und ich denke „oh mein Gott, ich habe eben unsere Freundschaft gefährdet, sie hat mich nicht mehr lieb“.

 

An solchen Tagen muss Nerdi stark sein und darf nicht hektisch voreilige Schlüsse ziehen. Denn eigentlich ist es ja nur sie, die hier kein Selbstbewusstsein hat und überhaupt nichts von der Situation weiß. Doch da sitzt der Unterbewusst-Mann schon auf dem Pferd und reitet im Kreis…

 

Verrückt, was alles in dem kleinen Zimmer des Gehirns Platz hat, oder?

(Bild von Pixabay.com)

Petra

Schau mal, das passt zum Thema

3 Comments

  • janinabreitlingina
    13. März 2017 at 23:50

    Liebe Petra, ich bin so gerührt über Deine Danksagung… Mach weiter so! Alles Liebe aus Neuseeland, Janina

    • Petra
      Petra
      3. April 2017 at 11:44

      Es stimmt ja auch, dann sag ich es!

    • Petra
      Petra
      3. April 2017 at 11:49

      Es stimmt ja auch, dann sag ich es! 😁

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Petra

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